Bildungspolitische Stunde in der Ratsversammlung am 16.September 2015


Rede der Fraktionsvorsitzenden der Bündnis '90/Die Grünen

Katharina Krefft


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Prof. Dr. Schuppener, sehr geehrte Frau Donnert, Frau Händel, Frau Uhle, sehr geehrte Herren und Damen.



Seit bald einem Jahr laufen die Vorbereitungen zur bildungspolitischen Stunde 2015. Obwohl wir bereits bei den bildungspolitischen Stunden der vergangenen Jahre die Einbindung des Fachausschusses Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule ansprachen und zuletzt auch einforderten, sind Sie, Herr Prof. Fabian, diese Beteiligung schuldig geblieben.


Die Ältesten, und hier meine ich die Mitglieder des Ältestenrates, werden sich erinnern, dass ich in der Sitzung im Frühjahr diese Beteiligung angesprochen habe und die Festlegung getroffen wurde, dass der Bürgermeister für Soziales, Jugend und Bildung dieses ermöglichen soll.


Sie, Herr Prof. Fabian, haben es nicht ermöglicht. War in den Vorjahren noch das Argument gezogen worden, dass die Bildungspolitische Stunde im Rahmen des Bundesprojektes „Lernen vor Ort“ veranstaltet wird, dessen Projektgruppe mit der Vorbereitung beschäftigt wird, entfiel dieses Argument mit dem Ende des Förderprojektes letzten Sommer.


Diese bildungspolitische Stunde hätte die erste des Rates werden können.


Nun sprechen wir heute zu einem Thema und in einer Form, wie Sie, Herr Prof. Fabian, festgelegt haben, und Herr Albrecht, nach ihrer Rede weiß ich auch, warum der Fachausschuss den Ball nicht aufgenommen hat.

Ich kritisiere diese Herangehensweise.


Wenn das Gemeinsame schon auf der politischen Ebene nicht gelingt, welche Erwartungen darf ich dann an das Gemeinsame in der Gesellschaft haben?


Gemeinsam. Das ist das Wesen der Inklusion. Gemeinsam spielen, wachsen, lernen, arbeiten, wohnen, leben. Inklusion ist die Revolution unseres Gesellschaftssystemes. Vielleicht auch eine Rückentwicklung, Rückbesinnung. Ich denke nicht, dass zu früheren Zeiten alles besser war, aber durchaus geht dem Suchen nach dem Gemeinsamen die Bewusstwerdung voraus, dass unsere Gesellschaft heute mehr Trennung, mehr Barriere, mehr Vereinzelung bedeutet.


Die Spezialisierung, die Individualisierung, die Leistung des Einzelnen sind die entscheidenden Motoren der Moderne. Doch nun, in der Postmoderne, erleben wir, dass der Einzelne und die Einzelne die Welt nicht mehr aus den Angeln hebt. Schwarmintelligenz statt Universalgenie. In der Forschung hat die Teamarbeit die Einzelforscher abgelöst. Interdisziplin ist das Rezept der postmodernen Erkenntnisgewinnung, und nicht die Einzellösung durch einen Fachbereich.


Wir forschen gemeinsam, wir arbeiten gemeinsam an den Lösungen für die Probleme der Zeit. Dieses Gemeinsame will erlernt sein. Und Schule, meine Herren und Damen, ist die Vorbereitung auf das Leben. Also muss die Schule der Postmoderne ganz anders bilden, als noch die Moderne es tat. Dabei geht es gar nicht darum, das alte System schlecht zu reden, oder es zu verdammen. Es war für seine Zeit sicher die passende Antwort.


Heute ist ein gegliedertes Schulwesen mit Separation nach Leistungsfähigkeit nicht die passende Antwort. Unsere Kinder müssen auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden. Internationalität, gerade auch die eigene Bewegungsfreiheit, mit der nötigen Sprachfähigkeit; kritisches Denken gerade in einer Zeit der Ungewissheit und Vielfalt an Meinungen, Weltanschauungen, politischen Systematiken, disparaten Machtstrukturen und Verantwortlichkeiten. Die Folgen des Klimawandels mit seinen Katastrophen, wie wir sie heute unmittelbar erleben, können wir, und das wird hoffentlich immer mehr Menschen klar, nur gemeinsam lösen. Gemeinsam als Staaten, gemeinsam im Staatswesen, gemeinsam in der Gesellschaft, in der Familie.






Was hat das nun mit Inklusion zu tun. Die Inklusion der Menschen mit Behinderung ist die Gretchenfrage. Wie hälst Du es mit dem Individuum in der Gemeinschaft, wie hälst Du es mit dem, der nicht konform ist, der nicht gleich ist.


Der Mensch mit Behinderung ist sichtbar nicht gleich. Ihm fehlt die Funktion einer Extremität, einer der Sinne oder geistige Fähigkeit. Die Behinderung ist diagnostizierbar. Darum werden auch nur die Kinder als „mit Behinderung“ katagorisiert, die das diagnostische Verfahren durchlaufen. Die Normabweichung bei allen Kindern ohne Behinderung hingegen fällt nicht gleich auf. Und doch ist jedes Kind anders und dieses Anderssein ist es, was in der postmodernen Schulwelt eine Revolution des Bildungswesens zwingend erforderlich macht.


Wir sind dazu nicht bereit! Nicht in Deutschland, wie der Parallelbericht des Deutschen Institutes für Menschenrechte festhält.


Nicht in Sachsen, das weiterhin die Rote Laterne bei der Inklusion trägt und wo auch der Koalitionsvertrag festhält: wir setzen auf „Inklusion mit Augenmaß“. Ich frage: Wie wird ein Menschenrecht mit Augenmaß verwirklicht?


Und auch nicht in Leipzig. Die wachsende Stadt Leipzig hat heute das ungelöste Problem, Kinder zu beschulen, für die die Räume nicht vorhanden sind. Die sächlichen Voraussetzungen für Inklusion fehlen.


Ja, es gibt in immer mehr Schulen einen Fahrstuhl. Es wird Barrierefreiheit für unterschiedliche Bedürfnisse hergestellt, pädagogisches Personal qualifiziert, erprobt und evaluiert. Und doch steckt die Integration von Kindern mit Sinnesbehinderungen oder Geistigbehinderten nahezu fest. Die Integrationen, die uns hier vorgerechnet werden, betreffen vorrangig eine große Gruppe von Kindern mit Behinderung, nämlich solche mit dem Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung, die Verhaltensauffälligen.


Die Integration dieser raumgreifenden Kinder mit hohem Anspruch an die pädagogische und sozialarbeiterische Arbeit geschieht in Schulen, die vollgestopft bis 32 Kinder Klassenstärke aufbringen, die 5-zügig in 3-zügige Schulen gedrängt werden. Die hart an der schulorganisatorischen Leistungsgrenze arbeiten. Was tun wir den Schulen damit nur an! Was richten wir bei den Kindern an? Was bedeutet das für die Lernfreude, den Schulerfolg, die Vorbereitung auf das Leben?


Integration wird auch nach dem Entwurf des Schulnetzplanes nicht in den zentrumsnahen Schulen stattfinden. Die Versäumnisse im Schulbau der letzten 10 Jahren werden von den Kindern mit Behinderungen und von denen, die mit ihnen sind, ausgebadet.


Sehr geehrter Herr Prof, Fabian, so gerne ich über die Qualität der Bildung in dieser Stadt debattieren möchte: aber draußen geht’s um was ganz anderes. Da fragen sich die Eltern: wie kann mein Kind so lernen.


Die Revulotion in der Schule ist die Abkehr von der Vorstellung von Klasse und Erreichen eines Klassenzieles, hin zu einer Lerngemeinschaft mit individuellen Bildungszielen. Das bedeutet: Keine Noten für die Differenzierung nach Leistungszielerreichung sondern Bewertung für jeden einzeln, ob er sein oder ihr Bildungsziel erreicht hat. Das ist eine vollkommen andere Philosophie von Bildung, und Schule bereitet sich mit anderen Lehrplänen, anderen Bildungsorten, anderer Lehreraus- und fortbildung darauf vor: wenn wir wirklich die Inklusion wollen, wenn wir wirklich wollen, dass jedes Kind seinen eigenen Bildungsweg gehen darf. Das nennen wir Lernfreude und echten Schulerfolg.


Nicht die Abrechenbarkeit nach Pisa-Ergebnissen, sondern die bestmögliche Entwicklung der persönlichen Potenziale. Und dies braucht angemessene Begleitung, Neugierde und Lösungssuche und -findung. Dies gilt für alle Kinder in unseren Schulen, und alle an der Bildung Beteiligten. So können sie gemeinsam = inklusiv aufgerichtet statt „unterrichtet“ werden. Dazu brauchen wir eine grundsätzlich andere Selbstverständlichkeit und einfach bessere Rahmenbedingungen. Und eben auch ein bisschen Geld.