Kitastreik


Rede vom 20. Mai 2015 auf der Verdi-Bühne am Neuen Rathaus

 

Liebe Erzieher und Erzieherinnen,


2 Wochen Kitastreik, Sie wissen schon, was sie uns Familien damit antun! Nun ja, uns Eltern. Die Kinder, was soll ich sagen, sind happy; für sie ist Urlaub. Familienzeit. Für uns Eltern wird es nur immer ungemütlicher. Mein Mann ist selbstständig; er hat in der ersten Woche noch alles nach vorne geschoben, doch diese Woche bestreiten wir mit Kindersitter und meinem Urlaub.


Da sehen Sie mal, was uns die Solidarität mit Ihnen Wert ist. Nicht erst jetzt bekommen wir ihre wertvolle Arbeit tatsächlich zu spüren: Ich habe ja nun vier Kinder, da ist mir der beklagte Lärmpegel durchaus ein Begriff. Auch die Leistung, die Kinder ganztägig bei der Stange zu halten, den Bildungsplan dabei zu erfüllen, die unterschiedlichen Ansprüche zu vereinbaren. Hut ab. Ich weiß zu schätzen was Sie täglich leisten!


Diese Leistung steht für sich. Doch fragen wir mal grundsätzlicher, was der Wert Ihrer Arbeit nicht nur für uns Eltern, sondern für die Gesellschaft ist. Da ist die feministische Betrachtung. Es sind in der Mehrzahl ja die Frauen, die betroffen sind. Es gibt mehr Erzieherinnen als Erzieher, und Sie streiten ganz grundsätzlich darum, dass ihre Arbeit nicht allein die caritative, die aufoperungsvolle ist. Warum wird gerade Frauenarbeit so geringgeschätzt? Nein, es muss eine ökonomische Betrachtung geben. Die Diskussion der letzten Jahre haben die befördert: Sie arbeiten für knallharte wirtschaftliche Interessen, denn: Sie ermöglichen die Erwerbsbeteiligung der Frauen. Seien wir mal ehrlich, die Väter allein bräuchten die KiTas nicht. Erst die Doppelverdienerfamilien sind auf das Kitasystem angewiesen, und also ermöglichen Sie eine ganz außerordentliche Wirtschaftskraft.


Die britische Denkfabrik New Economic Foundation hat Ihre gesellschaftliche Leistung, also die Wertschöpfung der Kinderbetreuung für die Allgemeinheit mit 1:7 beziffert. ErzieherInnen erhalten demnach 7x weniger Lohn als ihr Beitrag zum Wohlstand eines Landes wert ist.


Ja, Sie arbeiten für das Allgemeinwohl, für den Wohlstand der Gesellschaft, denn sie arbeiten am Lernerfolg der Kinder, der künftigen Ausbildungsgeneration, den zukünftigen Fachkräften und Leistungsträgerinnen, für den Wohlstand unseres Landes.


Sie schaffen Lernfreude, Sie legen die Grundlage für Chancengerechtigkeit, Ihnen gelten die Bildungsdiskussionen der letzten 10 Jahre. Die Ansprüche, die an Sie gestellt werden, definieren ihren Beruf heute! Und damit ist der Wert ihrer Arbeit messbar. Also muss auch darüber auch für alle ErzieherInnen verhandelt werden.


Ich erwähne einen dritten Indikator, denn das ist für mich das Wichtigste: es sind ja nicht nur die caritativen oder die wirtschaftlichen Interessen, für die Sie arbeiten: Sie bilden Persönlichkeiten. Gerade das sollte in Leipzig besonders betont werden.


Ja, und damit komme ich zur Stadt Leipzig, der Bildungsstadt, der Kulturstadt Leipzig. Was tut denn Leipzig als Mitglied des kommunalen Arbeitsgeberverbandes für die Interessen der Familien? Hat der Oberbürgermeister eine Meinung? Ich meinte ja, wir wären kinder- und FAMILIEN-freundliche Stadt. Und täten alles, damit sich diese Stadt wirtschaftlich gut entwickeln kann. Darf eine Stadt, die sich solchen Zielen verschrieben hat, die Erzieher und Erzieherinnen hängen lassen?

Darf die Stadt Leipzig die Eltern so hängen lassen.

Darf die Stadt Leipzig die Berufstätigen so unter Druck setzen?


Mich wundert es ja nicht, diese Stadtspitze hat die Eltern in der Kitanot alleine gelassen, bis ein Gesetz zum Rechtsanspruch kam, diese Stadtspitze schafft nicht genug Schulkapazität. Und diese Stadt läßt auch zu, dass mit Ihnen nicht verhandelt wird. Leipzig könnte wenn es wollte, darum fordere ich den Oberbürgermeister, Herrn Jung auf: Handeln Sie!


Ich wünsche Ihnen Erfolg und uns, dass sie bald wieder arbeiten gehen. Unsere Kinder werden es Ihnen danken.