Willkommen in Leipzig?

von Katharina Krefft

Die Stadt wird von Angst und Fremdenfeindlichkeit ergriffen. Wo sind sie, die Weltoffenheit, die Neugierde, die Solidarität?

Asylsuchende, Moscheebau, interkultureller Kindergarten - der Herbst ist von diesen Themen bestimmt. „Besorgte Bürger“ geben den Ton an, sie wollen sich abgrenzen von Menschen, die unsere Hilfe brauchen, ihre Religion ausüben oder einen Kindergarten betreiben wollen.

Seit drei Jahren steigen die Zahlen bei den Asylbegehren. Nach Leipzig kommen zusätzlich 70 %. Die Asylsuchenden kommen aus der Erstaufnahme in Chemnitz zu uns. Nach der Vorschrift des Freistaates dürfen sie dort nur drei Monate verbleiben, müssen dann spätestens in den Kommunen untergebracht sein.

In Leipzig sind wir darauf nicht wirklich vorbereitet. Im letzten Winter wurden kurzerhand im Haus 1 der Torgauer Straße Bereiche gemalert und mit neuen Türen ausgestattet. Diesen Sommer sollte der Rest folgen, doch nach dem Tod eines jungen Asylbewerbers stoppte der OBM alle Pläne für die Torgauer Straße. Sie soll endlich schließen. Freilich muss die Torgauer Straße aufgelöst werden. Dazu hat der Stadtrat auf unsere Initiative hin, als grundsätzliches Ziel dezentrales Wohnen und kleine Gemeinschaftsunterbringungen beschlossen. In Erwartung von mehr Flüchtlingen wurde damals schon ein Gästehaus in der Weißdornstraße vorgeschlagen – der OBM kippte den Vorschlag nach Protesten in Grünau aus der Vorlage.

Das Sozialamt dreht sich wie im Hamsterrad, macht immer wieder neue Vorschläge. Nach Kräften wird an der Umsetzung des Konzeptes gearbeitet, allein, es gibt zu wenige geeignete Wohnungen und die kleinen Standorte sind nicht fertig. Jetzt kommen 50 Menschen pro Woche und brauchen ein Dach über dem Kopf! Eine Pension wurde angemietet – damit sind 40 Personen versorgt. Für die weiteren fand die Stadt eine leerstehende Schule. Dort regen sich die Bürgerinnen und Bürger. Es hatte keine Information gegeben, keine Diskussion. Das ist in der Tat ein Versäumnis, aber kein Grund für Mahnwachen und Demonstrationen dagegen. Die Schule wird definitiv bis April 2014 genutzt, dann muss sie für ein Gymnasium frei werden. Sie verschafft uns den Raum für eine kurzfristige Lösung, damit an den langfristigen weitergearbeitet werden kann. Denn das Ziel ist klar: menschenwürdige Unterbringung in der Nachbarschaft, keine anonyme Massenunterkunft.

In der Nachbarschaft soll eine Moschee gebaut werden. Über die Kirche in Nachbarschaft des Neuen Ratshauses gab es keine Diskussion. Dabei machen die Katholiken zarte 3 % der Leipziger Bevölkerung aus. Die neue Moschee in Leipzig soll kein unscheinbares Hinterhaus werden, sondern ein erkennbarer Ort des islamischen Glaubens. Die Offenheit versucht man der Gemeinde abzusprechen. Und doch steht das Recht auf ihrer Seite und wir können uns auf eine Bereicherung der Magistrale Georg-Schumann-Straße freuen. Welche Impulse ein solcher Kulturbau für eine Quartier setzt, konnte ich in den Ferien in Köln und Amsterdam erleben!

Ob in der Wurzener Straße eine interkulturelle Kita aufleben darf? In bisher ungekannter Migrantenselbstorganisation wurde diese konzeptioniert und geplant. Es gibt dafür ein Grundstück, einen Bauträger und die Aufnahme in die Kita-Bedarfsplanung, die heiligen Hallen der Jugendhilfe.

Wie schaffen es die Vertreterinnen und Vertreter der Jugendhilfe und der Linken, die Migranten und Migrantinnen aus dem „Sächsischen Bildungszentrum“ raus zu halten? Bei der bekannten Unterversorgung mit Betreuungsplätzen zieht das Argument „Bedarf“ schon mal nicht. So schwingt die schwere Keule. Der Verein sei unterwandert, islamisiert. Unausgesprochen ist die Unterstellung ganz perfide: Kindesmissbrauch. Die Kinder, leichte Beute, würden einer Weltanschauung ausgesetzt, mental vereinnahmt, „umgedreht“. Ein unglaublicher Vorwurf, zumal er in vollständiger Unkenntnis des Vereins konstruiert wird. Dieser entstand durch Migrantinnen und Migranten türkischer Herkunft, die wie viele Menschen aus Leipzig vor ihnen eine zutiefst bürgerliche Haltung haben, sie wollen ihr Geld in die Bildung ihrer Kinder investieren. Migranten werden zu Bürgern – das ist Integration!

Leipzig wächst. Es wächst vom Umland her – kommt daher der konservative Geist? Und es wächst aus dem Ausland. Leipzig wird bunter, davon haben wir jahrelang geträumt, dafür wurde Wirtschafts- und Familienpolitik gemacht. Jetzt dürfen wir sie zeigen, unsere Offenheit, unsere Neugierde, unsere Solidarität: Die Neuen willkommen heißen.